Die Rolle, die heute der Adel spielt, ist im großen und ganzen, von den oben angedeuteten Ausnahmen abgesehen, gleich null; für viele ist der Adelstitel eine Last, für andere etwas Gleichgültiges, für wieder andere ein bloßer Zierrat geworden, nur wenige erkennen an, dass er einen ernsten Sinn hat oder doch haben sollte, dass an ihm besondere sittliche Pflichten haften und dass nur derjenige, der diesen gerecht wird, ihn verdient.
Hiebei darf etwas nicht übersehen
werden, was eben gerade den Adel und vor allem den ererbten Adel zu
solchem Wettlaufe auch ganz besonders qualifiziert eine ist die in
ihm lebende Tradition, wie er sie von seinen Ahnen übernommen hat,
weil sie in seinem Herzen fortlebt, die Tradition der Treue gegen
seine Nation, seinen Glauben, sein Vaterland und seinen Fürsten, die
überlieferte Liebe zur heimatlichen Scholle, der Gedanke, dass das
Gewordene nicht katastrophal abbrechen dürfte, sondern sich
genetisch fortentwickeln sollte zu immer höherer Vollkommenheit; der
Natur der Dinge nach aber ist schon wegen seiner im allgemeinen
größeren Sesshaftigkeit der Adel ein auf weit breiterer Grundlage
wirkender Träger jener Tradition und kann er, weil in ihm die
Erinnerung an die Vorfahren und deren Lebens- und Denkweise im großen
und ganzen lebendiger ist als bei anderen Geschlechtern, sie auch
dann erhalten und pflegen, wenn er durch äußere Verhältnisse der
Sesshaftigkeit verlustig gegangen ist.
Wo in ihm jene Tradition lebt, kann
also dem Adel auch im modernen Staate eine besondere Funktion
zuerkannt werden, um derentwillen er als solcher existenzberechtigt
ist. Dass sie aber bestehe, hängt weder vom großen Grundbesitze,
noch vom sonstigen großen Reichtum, noch von einem bestimmten
Adelstitel, noch auch davon ab, dass der Adel der Familie sehr weit
zurückreiche, genug, dass die Erinnerung an eine ehrenhafte und
verdienstvolle Vergangenheit in der jetzigen Generation lebe und
fortgepflanzt werde - nicht in dem Gedanken, die Verhältnisse
stereotyp zu erhalten oder gar einen Rückschlag in die Wege zu
leiten, sondern mit dem Ziele, den Fortschritt auf einem gesunden
Nährboden erwachsen und nicht genügend vorbereiteter Gedanken wegen
verwerfen zu lassen. Hierin also scheint uns die Aufgabe des Adels in
der Gegenwart zu liegen, der mit der Pflege geheiligter Tradition
hohe, sittliche und geistige Reife und opferwillige Hingabe an das
allgemeine Wohl verbinden muss, wenn er seine Existenzberechtigung
aufrecht erhalten will. Hierin läge aber auch die Berechtigung eines
einheitlichen Zusammenschlusses des Adels zu seiner Erhaltung aus
eigener Kraft und zu dem Zwecke, damit er seine soziale Aufgabe
erfüllen kann. Alle, die eines guten Willens sind, wären hiezu
berufen; diejenigen, welchen er fehlt, müssten von der Organisation
und durch diese selbst ferngehalten oder ausgeschlossen werden, denn
nur wer edel ist, hilfreich und gut, ist ein Edelmann in des Wortes
voller Bedeutung!










































